Interview / Im Gespräch mit Tom Rob Smith

Das nachfolgende Interview entstand während der Lesereise von Tom Rob Smith am 15. Oktober 2013 in Hamburg.

 
krimiblogger: Kürzlich kritisierte die britische Krimiautorin Ann Cleeves die Darstellung von Gewalt gegen Frauen und Kindern in vielen skandinavischen Kriminalromanen. Kurz danach las ich Ihren Roman Ohne jeden Zweifel und dachte: So also sieht das Aufeinandertreffen von brutaler »Nordic Noir«-Literatur und feiner englischer Thrillerkunst aus, in der Gewalt nur angedeutet wird.
 
Tom Rob Smith: Das stimmt. Selbstverständlich habe ich das Buch nicht als Antwort auf diese Kritik an skandinavischer Kriminalliteratur geschrieben. Aber diese Idee passt genau: Meine Geschichte entwickelt eine Spannung, die sehr filigran ist. Das Buch behandelt Fragen wie »Ist es passiert oder ist es nicht passiert?« »Was ist wirklich geschehen?« Wenn hingegen da eine Leiche liegt, dann liegt da eine Leiche. Daran gibt es keinen Zweifel. Deswegen lautet der deutsche Titel ja auch Ohne jeden Zweifel – es geht eben um Zweifel und Unsicherheit.
 
Um das zu transportieren, musst Du als Autor eine Spannung um sehr feine Anhaltspunkte und um subtile Hinweise entwickeln. Dennoch musst Du Deine Geschichte mit Spannung füllen, Du solltest Angst spürbar machen, es muss eine Gefahr in der Luft liegen. Der Roman beschreibt ein Verbrechen, aber nicht so, wie der Leser es zunächst vermuten würde. Dies war in einem gewissen Sinn die Herausforderung für mich beim Schreiben. Eine Geschichte zu entwickeln, die es erfordert, Spannung zu fühlen. Du kannst keine einfache Spannungsmethoden benutzen, wie etwa den unheimlichen Typen, der jemanden mit der Axt angreift.
 
krimiblogger: Neben der Herausforderung, eine subtile Spannung zu entwickeln, gab es da nicht auch noch die Herausforderung für Sie, sich von der Leo-Demidow-Trilogie abzuwenden und ein völlig anderes Buch zu schreiben?
 
Tom Rob Smith: Ja, natürlich ist Ohne jeden Zweifel ein völlig anderes Buch. Obwohl ich denke, dass es Ähnlichkeiten zur Trilogie gibt. Kind 44 war ein Thriller, in dem zwar ein Killer auftrat, aber die wirkliche Spannungsbogen des Roman entspringt aus den Konflikten in der sowjetischen Gesellschaft.
 
Zur Vorbereitung von Ohne jeden Zweifel habe ich Sachbücher über psychische Erkrankungen gelesen. Mein Leseerlebnis bei diesen Büchern war ernsthaft, sehr akademisch. Dagegen steht mein persönliches Erlebnis – denn dieser Roman basiert auf einer realen Begebenheit, die mir passiert ist. Als mir die Geschichte erzählt wurde, hörte ich einen Thriller. Als Autor habe ich dies Ereignisse nicht erst in eine Spannungsgeschichte verwandeln müssen, sie waren schon von sich aus ein Thriller. Meine Aufgabe war es, diesen Thriller zu erfassen und ihn in eine Geschichte zu formen.
 
Ich kann nicht erklären, warum bei einigen Menschen, die an einer Psychose erkranken, ihre Gedanken sich in einen Thriller verwandeln. Aber das scheint zu geschehen. Jedenfalls gibt es Verbindungen zwischen meiner Trilogie und diesem Buch. Gleichzeit ist es aber auch eine sehr andere Geschichte.
 

Die Essenz einer Geschichte

krimiblogger: Sie haben es schon angedeutet: Es gibt Parallelen zwischen dem Roman und ihrem eigenen Leben. Tilda, die eine Hauptfigur des Romans und die Mutter von Daniel, ist Schwedin, sie ist verheiratet mit einem Briten. Ähnlichkeiten finden sich in Ihrer Biographie. Aber wie autobiographisch ist dieser Roman wirklich?
 
Tom Rob Smith: Während ich Agent 6 schrieb, zogen meine Eltern nach Schweden. Mein Vater rief mich an und teilte mir mit, dass meine Mutter in der Psychiatrie sei. Ich kauft mir also ein Flugticket und auf dem Weg nach Heathrow rief mich meine Mutter an und sagt mir »Dein Vater lügt! Ich komme nach Heathrow, triff Dich mit mir in Heathrow.« Ich riss meine Flugtickets auseinander und wartete, bis meine Mutter in Heathrow ankam. Sie sagte: »Lass uns nicht hier sprechen, lass uns in Deine Wohnung gehen.« Bis zu diesem Punkt ist meine Geschichte wahr.
 
Wir gingen also in meine Wohnung und ich hörte ihrer Geschichte zu. Ich kann mich nur noch an Bruchstücke des Gesprächs erinnern und vieles wurde nicht ausgesprochen, sondern wir kommunizierten nonverbal. Ich sah ihr Gesicht, ihre Angst und ich merkte, sie hatte große Angst. Angst, dass Menschen sie verfolgten. Ich als Zuhörer und als ihr Sohn wusste für einige Stunden wirklich nicht, ob ich meinem Vater oder meiner Mutter glauben sollte. Das ist die Prämisse, die ich in meinem Buch transportieren wollte.
 
Aber mir war klar, dass ich, wenn ich die Aufmerksamkeit des Lesers erlangen wollte, daraus eine ganze Geschichte entwickeln musste, in die er hineingezogen wird. Deshalb: Alles, was Tilda in dem Buch sagt, ist Fiktion. Keiner der Charaktere in Schweden ist real. Daniel, der Sohn, ist nur sehr oberflächlich wie ich. Er ist jemand, der nie wirklich erwachsen geworden ist. Er ist immer noch ein Kind, obwohl er Ende 20 ist. Natürlich kannst Du in dem Alter immer noch ein Kind sein, aber seine Kindlichkeit hat nichts mit mir zu tun. Ich wurde nie von Konflikten verschont, wie es bei Daniel der Fall ist.
 
Es ging mir darum, die Essenz der Geschichte herauszuarbeiten, um sie dann zu dramatisieren und für Menschen, die nichts über mich wissen, eine gute Fiktion zu schreiben. Daniel ist ein großartige Figur, weil er seine Mutter trifft und erst dann einiges über sie erfährt und lernt. Ich hingegen wusste sehr viel über meine Mutter, als sie krank zu mir kam. Ich habe mir zwar Stichpunkte aufgeschrieben, aber diese hätten für meinen Roman nicht funktioniert. Ich brauchte einen Charakter, der nichts von seiner Mutter wusste, der behütet aufgewachsen ist. An dieser Stelle wird mein Roman fiktional.
 
krimiblogger: Bei der Lektüre Ihres Romans fiel mir – nicht zum ersten Mal – auf, dass sich aktuelle Kriminalliteratur verstärkt dem Thema Familie zuwendet. Ich erinnerte mich beim Lesen ihres Roman zum Beispiel an die US-amerikanische Krimi-Spezialistin Sarah Weinman, die den Begriff »Domestic Suspense« geprägt hat. Auch ihr Roman ist ja eine traurige Familiengeschichte. Denken Sie, dass das Thema Familie in der zeitgenössischen Kriminalliteratur einen breiteren Platz einnimmt?
 
Tom Rob Smith: Ich kann natürlich nicht allgemein sprechen. Wir finden in der Kriminalliteratur sehr oft den einsamen Helden, den isolierten Wolf, den einsamen Detektiv, der in der großen Stadt lebt. Das sind brillante Charaktere, diese PI-Figuren. Sie sind in gewissen Sinn familienlos. Wenn man solchen Figuren eine Familie gibt, wird die Geschichte oft lächerlich. Ich hadere mit solchen einsamen Charakteren. Ich mag sie, ich liebe diese Filme, aber es sind Figuren, mit denen ich mich nicht wirklich identifiziere.
 
krimiblogger: Aber gibt es Autoren, die solche einsamen Helden geschaffen haben, die sie beeinflusst haben?
 
Tom Rob Smith: (lacht) In einem gewissen Sinn hat mich jedes Buch, das ich jemals gelesen habe, beeinflusst. Oft in einem positiven Sinne, gelegentlich auch in einem negativen Sinn.
 
Bei Ohne jeden Zweifel war es zum Beispiel so: Ich habe meine fast 3.000 Facebook-Freunde – von denen die meisten Leser sind – gefragt, welches Buch, das aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben wurde, sie am meisten mögen. Und ich erhielt eine Fülle von Antworten, viele bekannte Romane wie zum Beispiel Der große Gatsby, doch einige waren auch ungewöhnlich, manche kannte ich bis dahin nicht. Gerade bei diesem Buch ist die Ich-Perspektive sehr wichtig.
 
Ich denke, wenn Du als Erzähler die Ich-Perspektive wählst, dann musst du das vollständig durchziehen. Du kannst diese Perspektive nicht halbherzig nutzen. Du musst dich damit vollständig vertraut machen und genau wissen, warum und wie Du die Perspektive des Ich-Erzählers nutzt. Von diesem Punkt aus gesehen, waren die Empfehlungen meiner Facebook-Freunde sehr prägend für Ohne jeden Zweifel.
 
Bei allen empfohlenen Büchern – manche davon sind Kriminalromane – ging es mir auch immer um die Frage, wo die Hürden, die Stolperfallen für einen Ich-Erzähler sind. Eine eher ungewöhnliche Empfehlung war zum Beispiel Zeno Cosini, ein Buch, das ich bis dahin nicht kannte. Es gibt in diesem Buch eine faszinierende Szene, in dem der Erzähler die Hochzeit mit seiner Frau schildert. Und du siehst, wie völlig falsch die Wahrnehmung des Ich-Erzählers ist. Aber das erzählt er dir als Leser nicht. Du musst sie neu interpretieren, Du wirst als Leser zum Detektiv. Dir wird eine Geschichte erzählt, bei der Du merkst, dass Du belogen wirst, nicht in dem Sinne, dass Dir jemand bewusst etwas falsches sagt, sondern er Dir eine Version auftischt, die um den eigentliche Kern nur kreist. Wenn Du einen solchen Prozess in eine Detektivgeschichte fassen kannst, wird es einfach brillant.
 
In diesem Sinne ist auch Tilda in Ohne jeden Zweifel eine Detektivin. Sie versucht zusammenzusetzen und herauszufinden, was um sie herum passiert ist. Daniel, ihr Zuhörer, muss wiederum herausfinden, was ihm da erzählt wird. Und Du als Leser musst wiederum abwägen, ob Daniel Tildas Geschichte korrekt wiedergibt. Vieles ist also ein Puzzle und zusammen mit der Detektivgeschichte, aus der Ich-Perspektive, ergibt das eine großartige Mischung.
 

»Ohne jeden Zweifel ist auch ein Buch über Privates und Öffentliches«

krimiblogger: Manche Sequenzen in Ihrem Buch erschienen mir wie Reflexionen über das Schreiben. Tilda etwa beharrt darauf, ihre Geschichte auf ihre Art und Weise und vor allem in der von ihr festgelegten Reihenfolge zu erzählen, denn sonst würde ihr niemand glauben. Ich lese daraus auch den Hinweis an Autoren heraus, ihre Geschichte so zu erzählen, wie sie das wollen.
 
Tom Rob Smith: Das ist interessant. Sie ist ja tatsächlich ein Geschichtenerzähler. Sie ist sehr darauf bedacht, wenn auch nicht in dem Sinne wie es ein Schriftsteller tun würde, dass ihre Geschichte glaubhaft ist. Glaubwürdigkeit ist ihr wichtigster Schlüssel. Würde ich das als Autor kippen und plump schreiben, dass jemand ermordet wurde oder auch nicht, dann würde die ganze Geschichte lächerlich. Als Autor treibe ich die Lösung nicht voran, sondern baue sie ganz langsam auf. In diesem Sinne wird auch Tilda gezwungen, wie ein Autor zu denken. Wie kann ich diese Geschichte darstellen, damit mir die Menschen glauben? Wie muss ich die Fakten arrangieren, damit die Zuhörer meine Position einnehmen? Das sind auch die Fragen, die sich ein Autor stellt: Wie stelle ich meine Geschichte dar, damit Leser gefesselt werden.
 
krimiblogger: Tilda sagt einmal im Buch »Und wie wir uns fühlen, wenn wir allein sind, sollte der Maßstab für all unsere Entscheidungen sein.« – Das hätte sicher auch ein Schriftsteller über seine Arbeit sagen können, oder?
 
Tom Rob Smith: Ja, im weiteren Sinne sicher. Die Frage ist doch, reicht es aus, wenn jemand mit einem Verbrechen davon kommt? Reicht es aus, wenn er nicht erwischt wird. Denn wenn er Abends nach Hause kommt, ins Bett geht und nicht von der Polizei verhaftet wurde, bleibt seine Tat an ihm hängen. Für starke Persönlichkeiten mag das leicht sein, egal ob sie Politiker oder mächtige Wirtschaftsbosse sind, wenn sie von den Leuten, die sie umgeben, gestützt werden. Sie können durch ihre Macht erreichen, dass diese Leute das Verbrechen akzeptieren, verzeihen. Doch die Wahrheit ist, was glaubt diese Person, wenn sie ganz alleine ist? Manchen mag das egal sein, aber was ist mit demjenigen, der sich darüber Gedanken macht? Da wird es für mich als Schriftsteller interessant: Die Beurteilung dieser Fragen, die er privat trifft im Vergleich zu der Beurteilung, die er nach außen präsentiert.
 
Stellen wir es in einen größeren Zusammenhang: Nehmen Sie zum Beispiel den Irak-Krieg. Schauen Sie sich die Menschen an, die die Entscheidung für diesen Krieg getroffen haben. Sie traten sehr clever und eloquent auf. Und ich fragte mich: Glaubt Ihr das wirklich, wenn die Kamera aus ist? Das finde ich interessant. Was ist, wenn Du alleine bist und in den Himmel schaust. Was geschieht da in Deinem Geist, in Deinem Hirn? Ich meine, Du musst doch Tiefpunkte haben, die Du der Öffentlichkeit nicht präsentieren kannst. Dieser Zwiespalt fasziniert mich. Wie Du Dinge in der Öffentlichkeit präsentierst unterscheidet sich doch oft sehr von dem, wie Du Dinge in Deiner Privatsphäre analysierst. Und Ohne jeden Zweifel ist auch ein Buch über Privates und Öffentliches.
 

»Ich mag das Überarbeiten.«

krimiblogger: Noch eine kleine Anekdote: Als ich zur Vorbereitung des Interviews im Internet recherchiert habe, fand ich den Ausdruck »Non Compos Mentis«, den Tilda im Roman benutzt und dies für sich beansprucht. Genau diesen Ausdruck verwendete auch Isaac Asimov in einer seiner Geschichten.
 
Tom Rob Smith: Oh, wirklich? Ich muss diese Geschichte lesen, ich mag Asimov sehr. Aber wenn Sie davon sprechen, mit Begriffen zu spielen, ist das interessant. Sehen Sie, Tilda benutzt einen lateinischen Ausdruck, der kraftvoll ist. Sie weiß, was dieser Ausdruck bedeutet und er wird gegen sie verwendet, also nimmt sie ihn in Anspruch und besetzt ihn. Sie denkt die ganze Zeit über die Sprache nach, die gegen sie verwendet wird – also stiehlt sie diese Sprache von ihren Gegnern, um sich gegen deren Attacken zu schützen.
 
Die Frage ist doch, was ist ein »gesunder« Geist? Wenn Sie schauen, welche Tests dafür durchgeführt werden, so sind die Ergebnisse doch arg dem Zufall überlassen. Und Tilda analysiert und erinnert sich an Dinge doch absolut korrekt. Sie ist auf der einen Seite oft unglaubwürdig, auf der anderen Seite aber auch sehr clever und klug. Die Art, wie sie andere Menschen wahrnimmt, ist sehr akkurat. Hier kommt wieder die für dieses Buch so wichtige Balance der Beobachtungen ins Spiel. Viele Beobachtungen sind eben nicht eindeutig. Gibt es definitiv einen Mörder – oder gibt es ihn nicht?
 
krimiblogger: Worin liegt Ihr Geheimnis, diese dichte Atmosphäre in ihren Büchern zu erschaffen?
 
Tom Rob Smith: Das Geheimnis eines guten Thrillers liegt eben nicht nur in einzelnen Szenen oder überraschenden Wendungen. Es ist die Geschichte im Ganzen, auf jeder einzelnen Seite und jede einzelne Seite ist miteinander verbunden. Clint Eastwood hat einmal etwas Wunderbares über Filme gesagt: »Das Geheimnis eines Filmes ist es, jede einzelnen Szene zu lieben.« Natürlich braucht man in der Dramaturgie einen guten Anfang, dann kommt man zur Mitte und zum Ende – aber auch die Wege dorthin sind wichtig. Genau dort entsteht nämlich die Atmosphäre.
 
krimiblogger: Also haben Sie keine Lieblingszene in ihrem Buch?
 
Tom Rob Smith: Doch, es gibt eine Szene am Ende von Tildas langer Rede. Bis dahin wurde sie ja auch immer unterbrochen, aber hier spricht sie für längere Zeit. Und ich will natürlich nichts verraten, aber diese Szene, in der sie in einem Van wegfährt, die finde ich sehr gelungen. Es ist eine meiner Lieblingsszenen, die ich geschrieben habe. Ich habe das Buch sehr oft umgeschrieben, doch jedes Mal, wenn ich zu dieser Stelle kam, habe ich nichts verändert.
 
krimiblogger: Wie lange haben Sie denn an ihrem Roman geschrieben?
 
Tom Rob Smith: Das Schreiben hat etwa zwei Jahre gedauert, und dann hat die Bearbeitung noch einmal sechs Monate gebraucht.
 
krimiblogger: Und wie ist für Sie dieser Überarbeitungsprozess und das wiederholte Gegenlesen? Manche Autoren mögen das ja nicht.
 
Tom Rob Smith: Nein, ich mag das Überarbeiten. Das ist ein zentrale Arbeit an einem Buch. Der erste Entwurf ist immer das schwierigste – denn du kämpfst mit einer leeren Seite. Diese zu füllen ist schwierig. Aber das Überarbeiten ist anders. Du denkst: Okay, diese Stelle ist gut – wie bekommst Du sie besser hin? Es ist eine echte, intellektuelle Herausforderung. Und es geht eben nicht nur darum, wie bin ich zu dieser Stelle gekommen und du findest sie gut, aber dann denkst Du viel darüber nach, dann änderst Du den Text und dann zeigt sich, ob er lebendig wird oder nicht. Aber ich mag diesen Prozess sehr und ich habe sehr gute Lektoren, mein deutscher, mein britischer und mein US-amerikanischer Lektor – sie sind alle sehr gut. Manche Autoren haben eine enge Beziehung mit ihren Lektoren.
 

»Das Rechtssystem in Russland ist ein Witz.«

krimiblogger: Noch einmal zurück zu Kind 44. Wurde Ihr Buch eigentlich mittlerweile in Russland veröffentlicht?
 
Tom Rob Smith: Ja, aber es hat tatsächlich lange gedauert. Wir haben vor ungefähr vor vier Jahren – also lange, nach dem das Original veröffentlicht wurde – einen russischen Verleger gefunden. Und es war sehr erfolgreich in Russland.
 
krimiblogger: Ich frage auch deshalb, weil Russland mittlerweile ja wieder Rückschritte macht, wenn man in das Russland von Wladimir Putin blickt.
 
Tom Rob Smith: Ich war, als Kind 44 veröffentlicht wurde, immer sehr vorsichtig zusagen, das sei ein kritisches Buch. Aber mittlerweile gibt es dort eine monströse Regierung und ich möchte mit dieser Regierung nichts zu tun haben. Ich glaube, er ist ein Gangster.
 
krimiblogger: Ich vermute, dass die russische Gesellschaft sich bislang ja nicht ausreichend mit ihrer Geschichte auseinander gesetzt hat. Stalins Verbrechen werden in Russland ja immer noch entweder verschwiegen – die Menschen wollen vergessen – oder verklärt.
 
Tom Rob Smith: Ja, natürlich, denn Putin mag in einem gewissen Sinne Stalin. Nicht in dem Sinne der Gulagas und der Massenmorde, aber seine Autorität bewundert er und orientiert sich ein Stück weit daran. Und er attackiert seine Gegner auf eine Art, die an manche Diktatoren erinnert. Die Polizei, das Rechtssystem – gerade das Rechtssystem in Russland ist ein Witz, korrupte Institutionen, die von Anhängern geführt werden und man erschafft eine Atmosphäre der Angst. Und man spielt Menschen gegeneinander aus. Und dann grenzt man sich von ausländischer Kritik ab, denn natürlich kritisieren sie mich – deshalb bin ich ein wahrer Patriot. Es ist eine Schande. Denn es hätte nach dem Ende des Kommunismus in zwei Richtungen laufen können. Und leider rutscht es zurück in diese Mechanismen.
 
krimiblogger: Sind sie oft in Russland?
 
Tom Rob Smith: Ich habe einige Recherche-Reisen unternommen und auch Werbung für mein Buch gemacht. Aber im Moment weiß ich nicht, ob ich dorthin fahren möchte.
 
krimiblogger: Kind 44 wurde gerade verfilmt. Wann kommt er in die Kinos?
 
Tom Rob Smith: Sehr wahrscheinlich im nächsten Jahr, vermutlich im Herbst oder Winter.
 
krimiblogger: Und Sie waren bei den Dreharbeiten vor Ort. Wie war das, ihre Geschichte dort zu sehen?
 
Tom Rob Smith: Es war verblüffend. Zunächst war es für mich befremdlich, aber es sind so wunderbare Schauspieler. Daniel Espinosa ist ein guter Regisseur und die Drehorte waren großartig. Eine Szene spielt zum Beispiel im Hauptquartier der Miliz und diese Filme sollte in einer Seifenfabrik gedreht werden. Weil es dort diese großen Fenster gibt und alle Offiziere sich so gegenseitig beobachten können und dadurch diese paranoide Stimmung aufkommt. Ja, ich glaube es wird ein großartiger Film. Und Noomi Rapace als Raisa ist unfassbar gut.
 
krimiblogger: Ihr neues Buch ist hier in Deutschland veröffentlicht, die Verfilmung von Kind 44 kommt – woran arbeiten Sie als nächstes?
 
Tom Rob Smith: Ich arbeite an einem Script für eine TV-Serie. Es ist eine Kooperation der BBC und HBO und es wird ein zeitgenössischer Spionage-Thriller werden, der in London spielt. Er wird sechs Episoden haben und im Sommer muss ich mit dem Script fertig sein.
 
krimiblogger: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
 
Tom Rob Smith: Vielen Dank Ihnen!
Tom Rob Smith by Ludger Menke

Was Sie noch wissen sollten:

 
Tom Rob Smith hat eine Homepage, ist bei Facebook zu finden und er twittert. Zudem hat sein deutscher Verlag Tom Rob Smith eine ausführliche Internetseite gewidmet.
 
 
Die bibliographischen Angaben zu seinem aktuellen Roman:
Tom Rob Smith: Ohne jeden Zweifel. Aus dem Englischen von Eva Kemper. – München : Manhatten, 2013. – ISBN 978-3-442-54678-7 
 
Das Buch ist mittlerweile auch im englischen Orginal erschienen:
Tom Rob Smith: The Farm. – New York : Grand Central Publishing, 2014. – ISBN 978-0-44-655073-4 
 

Lesen Sie wohl.

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