Rohms Rätselkrimi

Guido Rohm: Untat

Geständnis: Als Leser bin ich vorübergehend gescheitert. Was habe ich mir alles eingebildet. Krimilesen, das bildet, das schärft meinen Geist, wacher, sensibler, klüger werde ich. Da will mich ein Krimi-Autor auf eine falsche Spur schicken, mir einen roten Hering unterjubeln? Hah! Ich hab‘ euch doch alle gehabt, die Sayers und die Christie, den Hammett und den Chandler, die Highsmith und den Poe. Die machen mir nichts mehr vor. Jungs und Mädels, ich kenne Eure Tricks, Eure Papierschurkereien.
 
Lesen bildet. Dann kommt Gudio Rohm, dieser Genre-Terrorist. Bombt so ziemlich alles weg in meinem Kopf. Nichts mehr mit »Krimi-Ästhetik« und »Krimi-Schöngeist« und »Krimi-Kunst«. Dieser Guido Rohm, der kratzt den letzten Dreck hervor. Meinen letzten Dreck. Den Dreck, den ich mir als Leser jahrelang reingezogen habe und sagt mir: Das ist Dreck, was Du da liest, was Du Dir da reinziehst. Und Du, Du selbst, bist schuld. Kein Autor, kein erfundener Mörder, kein korrupter Bulle – Du lässt diesen Dreck doch in Dein Hirn. Du bist schuld. Pass auf, was Dir diese Autoren, diese Kritiker, diese Verlage ins Hirn pusten. Gefällt es Dir? Dann hast Du schon verloren.
 
Untat – das ist ein kleines, böses Buch, das dieser schreibende Terrorist mir untergejubelt hat. Darin spielt dieses kleine, unscheinbare Wort »wir“ eine große Rolle. Niedlich ist es, dieses »wir“, klein, kurz, tut niemanden weh. »Das Wir gewinnt« verspricht die Werbung. Ob für Kanzlerkandidaten oder Hilfsorganisationen ist übrigens gleichgültig. Kollektiver Wahnsinn ist es, dieses »wir«, Vereinnahmung zur Schuld. Keine Flucht, kein Entkommen. Du bist wir. Ich bin wir. Keiner von uns entkommt. Die Unfähigkeit zu trauern. Masse und Macht.

Wellness für geschundene Krimileserseelen

»Wir«, in Rohms Roman sind es zwei Journalisten, die bei dem Verbrecher Oscar anheuern. Als »eingebundene Journalisten« wollen sie hautnah von einer Kindesentführung berichten. All das verspricht der Klappentext, der selbstverständlich erstunken und erlogen ist. Das sind Klappentexte immer, hier aber ist er eine bewusste Lüge im Kampf um das Wohlwollen der Leser, der erste rote Hering, den »uns« Lesern dieser Rohm unterjubelt. Guido Rohm wäre nicht Guido Rohm, würde er nicht auch hier, wie bei all seinen anderen Büchern, alles exakt und genau durch inszenieren oder inszenieren lassen. Dazu gehört auch der Klappentext.

»Die Wirklichkeit ist in den meisten Fällen abzulehnen.«Guido Rohm

Dann also lesen »wir« diesen Roman, der so unsympathisch daher kommt. Weil er wahr ist, weil er uns unwohl werden lässt. Hautnah, das ist es doch, was wir wollen. Also erleben »wir« diesen Oscar, diesen erfundenen Verbrecher, wie er Chips frisst, Bier säuft und Pornos guckt. Alles in kurzen, knappen Sätzen. Widerwillig, wie die beiden Journalisten, deren Charaktere völlig dunkel bleiben. »Gibt es die überhaupt?« höre ich eine Frage in meinem Hirn. Wir wenden uns, ich wende mich – ab. Aber »wir« lesen, »wir« gieren weiter. Warten ungeduldig auf die Entführung, lassen »uns« dabei weiter einlullen. Von Oscar, vom »wir«, von Guido Rohm. Sechs Tage lang, so viele Kapitel hat der Roman Untat. Am siebten Tage aber sollst Du ruhen – und betrachten, was DU geschaffen hast. Ende.
 
Ende, ach ja. Das Ende des Romans tut hier nichts zur Sache. Nicht, weil es nicht wichtig wäre (und für alle Cliffhänger-Fetischisten – es gibt eine grandiose Wendung!), sondern weil Sie, werte Blogleserinnen und Blogleser, das sich schon selbst erlesen müssen. Keine leicht Aufgabe, ich warne sie. Aber dennoch wird Ihnen die Lektüre von Untat gut tun. Wellness für geschundene Krimileserseelen, Katharsis und Neubeginn. Dieses Buch wird Sie verändern! Boah, große Worte und ich kann nicht fassen, dass ich sie hier hingeschrieben habe, bestimmt wird es aber so sein.
 
Denn Guido Rohm ist der Meister des Rätselkrimis. Sie kennen das doch: Mehr oder weniger anspruchsvolle Detektivspiele, »Wer war es?«, »Hasch mich, ich bin der Mörder« und ähnlicher Quatsch. Genauso funktionieren 90 Prozent des Krimiauswurfs, hingerotzt wie ein grün-gelblicher Klumpen Schleim, auf dem ich – wir – als Leser ständig ausrutschen, nur weil wir unserer NeuGIER nachgeben. Todsünde!

Die besseren Lügner

Bei Rohm hingegen werden wir freundlichst auf diesen Auswurf hingewiesen. Und er stellt mich als Leser vor eines dieser Rätsel, die kein »Wer-wars-Krimi« stellen würde: Warum? Warum lese »ich« das? Warum geifere ich nach der nächsten Sensation, dem Elend der Anderen, der Schande und warum ist mein Leben so anders? Warum glaube ich, ich bin »besser«, nur weil ich keine Pornos gucke (ach, wirklich?), kein Bier trinke (in der Tat) oder Chips fresse (*rülps*)? Und natürlich keine kleinen Kinder entführe, aber tief empfundenes Mitgefühl für eben solche Opfer empfinde. Wirklich? Oder ist es meine Angst, mein Selbstmitleid, wenn mir solche Untaten widerfahren würden? Die Untat der anderen ist auch immer meine eigene Un-Tat, meine eigene Untätigkeit. Wie lange, so das Rätsel, vor das Guido Rohm mich als Leser stellt, will ich mich noch selbst betrügen? Wie lange will ich mich von all diesen Krimiautorinnen und -autoren noch hinters Licht führen lassen? Von diesen Journalisten und von diesen Kritikern, die doch so »wahr«, so »realitätstüchtig« unterwegs sind? Wie lange schalte ich mein Hirn beim Lesen auf Autopilot? Wie lange will ich mich noch selbst anlügen und mich anlügen lassen? Schriftsteller wie Guido Rohm sind in der Regel die besseren Lügner. Ein ungleicher Kampf, weil es mir gefällt, angelogen zu werden. Oder, wie es Rohm im Roman so treffend formuliert: »Die Wirklichkeit ist in den meisten Fällen abzulehnen.«

Was Sie noch wissen sollten

Untat von Guido Rohm
Gelesen habe ich die broschierte Ausgabe, die mir freundlicherweise der Conte Verlag zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank dafür!
 
Die bibliographischen Angaben:
Guido Rohm: Untat. – St. Ingbert: Conte Verlag, 2013. – ISBN 978-3-941657-78-6
 
Guido Rohm gehört zu meinen Beichtvätern. Sein Blog Guido Rohms gestammelte Notizen ist Pflichtblog an der deutschen Krimibörse.

Lesen Sie unwohl.