Unter Fremden

Marianne Wheelaghan: Food of Ghosts

Aberglaube und militärische Halsstarrigkeit bringen Detective Seargent Louisa Townsend in Bedrängnis. Ein wichtiger Zeuge, den sie vernehmen will, hat sich auf eine Nachbarinsel geflüchtet. Der örtliche Marine-Chef verweigert ihr die Überfahrt. Frauen, so ein alter Aberglaube unter Seefahrern, bringen auf dem Meer Unglück und gehören nicht an Bord. Die Polizistin findet eine andere Möglichkeit zur Überfahrt – mit lebensgefährlichen Folgen.
 
DS Louisa Townsend ist die Hauptfigur einer neuen Krimiserie der schottischen Autorin Marianne Wheelaghan. Selbst weit gereist lässt sie ihre Heldin vor einem exotischen Hintergrund ermitteln. Die erwähnte Nachbarinsel ist eines der zahlreichen Atolle, die den Inselstaat Kiribati in der Südsee bilden. Stationiert in South Tarawa, der Hauptstadt von Kiribati, ist Townsend im Auftrag der EU vor Ort, um ihre Kollegen dort fortzubilden. Sie selbst wurde auf Kiribati geboren, wuchst dann aber bei ihrer Mutter Edinburgh auf. Nach einigen Jahren kehrte sie zurück nach Kiribati. Sie kennt die Eigenarten der fremden Kultur: die innige Familienverbundenheit, die Gastfreundschaft und den Aberglauben. Sie ist eine, die man im Englischen „Expat“ oder „Expatriate“ nennt, Menschen, die für eine gewisse Zeit in der Fremde leben und arbeiten. Das deutsche Wort „Gastarbeiter“ hilft da als Übersetzung kaum bis gar nicht weiter. „Expats“ haben in Großbritannien, als ehemalige Großmacht, eine lange Tradition. Dazu gehört eben auch das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Kulturen, im Falle von Wheelaghans Roman sind es die I-Kiribati, die Einwohner des Inselstaates, und die I-Matang, die Menschen von Matang, dem Schattenreich, wie Ausländer auf Kiribati angesprochen werden.

»Michael scowled towards the villagers. ‘They are silly superstitious people. In the olden days our ancestors used to offer the severed head of their enemy in sacrifice to the ghostly spirits for them to eat.The most prized food of ghosts was the eye. And even though our victim’s head in the hut has not been severed, the gouged eyes—’«Marianne Wheelaghan

Schwierigkeiten und Missverständnis sind bei diesen kulturellen Unterschieden vorgezeichnet. Dazu kämpft Louisa bei der Ermittlung in einem Mordfall gegen die Vorurteile der männerdominierten Polizei in South Tarawa. Joe, ein Händler und Exporteur von Haifischflossen, wird in einer Lagerhütte des Ambo Lagoon Clubs ermordet aufgefunden. Erstochen mit einem nach Kiribati-Tradition geschnitzten Messer, fehlen seiner Leiche die Augen. Für die I-Kiribati ein klares Zeichen: Die Augen der Toten sind Nahrung für die Götter und Geister. Im wahrsten Sinne des Wortes kein gutes Omen für die Aufklärung des Falles. Da die örtliche Polizei unterbesetzt ist – ein Teil der Ordnungshüter weilt auf einer Beerdigung, der andere Teil befindet sich zu einer Fortbildung in Australien – wird Louisa kurzerhand mit den Ermittlungen betreut.

Auf Tauchgang

Noch am Tatort trifft Louisa auf Jill, die von der aufgebrachten Meute für die Mörderin von Joe gehalten wird. In letzter Not kann sie die junge Frau – wie Louisa eine „Expat“ – vor der Lynchjustiz retten. Doch Jill erweist sich als undankbare Zeugin und verweigert die Aussage zu den Vorgängen im Club. Immerhin führt sie Louisa zu einer kleinen Gruppe von Briten, die ebenfalls als „Expats“ auf Kiribati leben. Darunter auch Paul, der Ehemann von Jill. Er hat angeblich ein Verhältnis mit einem einheimischen Mädchen. Nur kurze Zeit später ist auch Jill tot – erschlagen in ihrem Haus. Louisa steckt in ihren Ermittlungen fest, den Paul, der jetzt natürlich in Verdacht gerät, kann nicht der Mörder sein. Und schon bald stellt sich ein weiterer Todesfall, der angeblich ein Unfall war, als Mord heraus.
 
Marianne Wheelaghan überrascht mit einigen Wendungen in ihrem Krimiplot. Geschickt lässt sie ihre Ermittlerin eine Spur nach der anderen folgen, um dabei immer wieder in abenteuerliche bis gefährliche Situationen zu geraten. Ein Tauchgang etwa, bei dem Louisa Haien begegnet oder die bereits erwähnte Überfahrt zu einer Nachbarinsel, die sie fast das Leben kostet. Reichlich Dramatik, die Marianne Wheelaghan hier auffährt und dennoch ist es keine Action um der Action willen. Sie verknüpft dramatische Situationen einfallsreich mit dem exotischen Setting und dem Aufprall der Kulturen. Sie beschreibt die Schönheit des Insel, die Freundlichkeit der Bewohner, aber auch die Armut und den anachronistischen Aberglauben. Ihre Ermittlerin, die sie hier so gelungen in Szene setzt, hat dazu noch einige Macken. Ihr Waschzwang und ihre Furcht vor Keimen machen Louisa zu schaffen, ausgerechnet in schwülen Hitze Kiribatis, wo regelmäßig der Strom ausfällt und deshalb die Wasserpumpen streiken. Es sind diese nebensächlich Dinge, die im Zusammenspiel mit Figur und Setting für Spannung sorgen. Zudem schildert Wheelaghan dies in einer exakten Sprache, glaubwürdig und ohne Effekthascherei erzählt. Der Waschzwang ihrer Heldin ist keine typischer Ermittlertick, wie er mittlerweile ja schon zum Grundausstattung eines jeden Krimi-Ermittlers gehört, sondern er ist Teil einer überzeugenden Figurenzeichnung.

Faszinierende Figuren vor exotischer Kulisse

Wheelaghan hat ein sicheres Händchen für interessante Figuren: Die Gruppe der „Expats“, deren Inselleben sie in einem doppelten Sinne zeichnet, denn sie leben nicht nur auf einer Insel, sondern schotten sich in einer Enklave mehr oder weniger von den Einheimischen ab. Im Gegensatz dazu stehen die Fischer und Taucher rund um „Dave den Fisch“, allesamt robuste Burschen, sowie Reteta, die Haushälterin von Louisa, samt Schwein und großer Familie. Wie selbstverständlich lädt Reteta ihren gesamten Clan zum gemeinsamen Fernsehschauen bei Louisa ein, was auf wenig Verständnis bei Louisa stößt. Familie hat Vorrang bei den I-Kiribati, eine Einstellung, die Louisa, im Dauerclinch mit ihrer Mutter, nicht nachvollziehen kann.
 
Es sind, kurz gesagt, die Gegensätze der Figuren, die temporeiche Erzählung und die kunstvoll arrangierte Dramatik vor einem exotischen Setting, die diesen Debüt-Krimi von Marianne Weelagahn auszeichnen. Weelagahn, deren erster Roman The Blue Suitecase in Hitler-Deutschland spielt, startet mit Food of Ghosts gelungen eine neue Krimiserie, die sicher auch – ganz ohne Aberglaube – eine deutsche Übersetzung lohnen würde.

Was Sie noch wissen sollten

Food of Ghosts
Gelesen habe ich die englischsprachige E-Book-Ausgabe, die mir freundlicherweise von der Autorin zur Verfügung gestellt wurde. Es gibt auch eine gedruckte Ausgabe.
 
Die bibliographischen Angaben:
Marianne Wheelaghan: Food of Ghosts. – Edinburg : Pilrig Press, 2012. – ISBN 978-0-9566144-4-5
 
Ich stehe mit Marianne Wheelaghan per E-Mail in Kontakt. Die Autorin hat eine Internetseite und ist bei Twitter zu finden.

Bildquelle: Das Bild „Well, it’s an atoll“ stammt von luigig. Ich habe es unter einer CC Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY 2.0) verwendet und abgeändert.

Lesen Sie wohl.

Kommentare

Kommentieren


(erforderlich)