… unterdessen in London

Anya Lipska:Sündenfall (engl.: Where the devil can’t go)

Remmidemmi am Schluss: Wilde Verfolgungsjagd, Körper klatschen ins Wasser der Themse, es wird blutig. Und dann noch eine aufkeimende Liebesgeschichte – Anya Lipskas Debütroman Where The Devil Can’t Go, in der deutschen Übersetzung mit dem etwas unglücklichen Titel Sündenfall, wartet am Ende mit klassischen Rausschmeißern eines Krimis auf. Dazu der Cliffhanger eines Fortsetzungskrimis, denn selbstverständlich sollen die Geschichten um den polnischen Privatdetektiv Janusz Kiszak und der Polizistin Natalie Kershaw fortgesetzt werden. Und nein, die Liebesgeschichte deutet sich nicht zwischen diesen beiden Hauptfiguren an. Lipskas Debütroman ist, so mein Eindruck, ein kernig erzählter Krimi, atmosphärisch dicht, angesiedelt im Londoner East End. Er ist – und das ist die Stärke des Buchs – eine Geschichte über Parallelwelten, über Migranten, über alte und neue Heimat und über die jüngere, polnische Geschichte.
 
Die beiden Hauptfiguren deuten es an: Lipska erzählt zwei parallel laufende Geschichten der Gegensätze. Die eine, sie ist die Geschichte von Janusz Kiszak, der sich als moderner Glücksritter durch das Londoner Großstadtleben schlägt. Es ist das London im Jahre 2009, die Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele laufen auf Hochtouren, es wird gebaut und gebaggert. Polnische Arbeiter, die für wenig Geld den Knochenjobs auf den Baustellen der Stadt nachgehen, gibt es reichlich. Janusz ist keiner von ihnen, er lebt schon länger in der britischen Hauptstadt und hält sich mit Gelegenheitsjobs und Detektivdiensten über Wasser. Er ist ein Emigrant mittleren Alters, der die wirtschaftliche Not in seiner Heimat Polen hinter sich gelassen hat, ebenso wie seine geschiedene Frau und ihren gemeinsamen Sohn. In London verkehrt er vor allem mit Landsleuten, “the Poles” haben, wie so viele andere Volksgruppen im Exil, ihre kleine Enklaven und Subkulturen gegründet. Man kennt sich, geht in die polnischen Kneipen, Klubs und Restaurants, in denen es die Gerichte der Kuchnia polska gibt. Man isst Pierogi, Gołąbki und Napoleonka. Und selbstverständlich geht man auch in London als katholischer Pole in die Messe und zur Beichte.

»Zum Lügen braucht man immer zwei – einen, der lügt, und einen, der den Mist glaubt.«

»Von wem ist das?«, erkundigte sich Janusz.

»Von Homer Simpson«, entgegnete Oskar mit der Mine eines Menschen, der aus einer unwiderlegbaren Quelle zitiert.Anna Lipska

Janusz’ Beichtvater ist Pater Pietruzki. Ihm vertraut er seine Sünden an, die vor allem sexueller Art sind. Seine gelegentlichen Eskapaden plagen Janusz’ Gewissen. Bei einer dieser Beichten bittet Pater Pietruzki ihn darum, nach der vermissten Weronika zu suchen. Ein anständiges Mädchen sei sie, jung, unschuldig und verschwunden. Was als einfache Nachforschung beginnt, bleibt für Janusz nicht folgenlos, denn schon bald wird er in seiner Wohnung zusammengeschlagen.
 
Unterdessen – und für diesen Roman darf man dieses Wort öfter benutzen – unterdessen also soll die junge Polizistin Natalie Kershaw die Mörder junger Frauen finden. Eine wird in der Themse als Wasserleiche angespült, eine andere in einem Hotel aufgefunden. Letztere heißt Justyna, wie die verschwundene Weronika eine junge Polin, die zu Lebzeiten als Prostituierte gearbeitet hat. Als die Gerichtsmediziner die Leiche der Frau genauer untersuchen, entdecken sie in ihrem Mund eine Visitenkarte. Die Karte von Janusz Kiszak.
 
So kreuzen sich die Wege der jungen Ermittlerin und des kantigen, polnischen Privatschnüfflers, die beide den gleichen Tätern auf der Spur sind. Um sie zu finden, müssen beide sich dem stellen, was in Klappentexten so gerne als “düstere Vergangenheit” beschrieben wird. Für Janusz, der zur Zeit der Kommunisten in Polen für die Solidarność auf die Straße gegangen ist, sein Leben riskiert hat und seine Freundin dabei verloren hat, eine traurige und gefährliche Reise zurück in seine Heimat. Für Kershaw, die sich gegen die Anfeindungen ihrer männlichen Kollegen und Vorgesetzten behaupten muss, eine Reise in den ihr fremden Kulturkreis der polnischen Migranten.

Die Toten im Wasser

Die solide Krimihandlung trägt erstaunlich gut die fiktional eingeflochtenen Hintergründe zur jüngeren, polnischen Geschichte. Lipska entwirft eine zügige Dramaturgie, in der ihre beiden Hauptfiguren durch ihre Gegensätze glänzen und die ihrer Geschichte einen flotte Fortgang geben. Sprachlich exakt und gut aus dem Englischen übersetzt von Karin Dufner, finden sich immer wieder polnische Begriffe im Text, die die Lebensweise der Polen in London mir als Leser näher gebracht haben.
 
Die Rückblenden in die Zeit der Kommunisten werden vor allem durch die Figur des Janusz Kiszak getragen. Er erinnert sich an die Zeit des Kriegszustands 1981, an die Proteste in Danzig und Nowa Huta und an die Ermordung des Priesters Jerzy Popiełuszko – im Roman heißt er Marek Kuba – der 1984 von Schergen des polnischen Staatssicherheitsdienst Słuźba Bezpieczeństwa (SB) ertränkt wurde. Das Motiv des Ertränkens und Ertrinkens zieht Lipska ohne makabren Unterton als ein zentrales Thema durch ihren Roman – bis zum Ende, an dem übrigens ein Selbstmord steht.
 
Sündenfall ist – bis auf den fragwürdigen deutschen Titel, der eher an religös verbrämten Krimikitsch denken lässt, als an glaubwürdige, realitätsnahe Krimifiktion – ein kurzweiliger, gradliniger Auftakt für eine neue Krimiserie. Denn die polnische Geschichte und die polnischen Migranten in London, sie haben sicher noch einiges zu erzählen. In Anya Lipska haben sie eine authentische und glaubwürdige Erzählerin gefunden.

Was Sie noch wissen sollten

Gelesen haben ich die deutsche Übersetzung von Karin Dufner. Ich bedanke mich beim Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar.
 
Die biblographische Angaben:
Anya Lipska: Where the devil can’t go. – Tadeusz Books, 2011 (Eigenverlag)

Englische Neuauflage: Anya Lipska: Where the devil can’t go. – London : The Friday Project, 2013
ISBN 978-0-00-750458-9

Deutsche Ausgabe:
Anya Lipska: Sündenfall / Aus dem Englischen von Karin Dufner. – München : Goldmann, 2012
ISBN 978-3-442-4776-4
 
Die Autorin hat eine Internetseite und twittert. Im ShotsMag Blog berichtet sie über die Entstehung ihres Roman. Über Twitter stehe ich im Kontakt mit Mrs. Lipska.

Bildquelle: Wikimedia Commons: 30-years of Solidarity (Polish trade union) mural in Ostrowiec Swietokrzyski (priest Jerzy Popiełuszko in foreground). Picture by Krugerr / Used under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license.

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