Zwischen den Regalen

Susan Hill: Howards End is on the Landing

Bücherberge, überall. Überfluss an Texten, an Literatur, an Romanen. Im Sekundentakt neue Bestseller frisch aus der Druckerei oder auf dem E-Reader. Stapelware in den Buchläden, die morgen durch neue, andere Stapel ersetzt werden. Die Klage über die Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs ist eine Klage auf dem berühmten hohen Niveau, auch wenn ich mit Blick auf das, was mir gelegentlich unter die Augen kommt, Niveau immer wieder neu definieren möchte.
 
Verzicht und Langsamkeit – das sind die beiden Zauberworte, die gegen die schnelllebige Fülle in meinem Leserleben helfen könnten. Das sogenannte “Slow Reading” – angelehnt an die “Slow Food”-Idee – ist das eine, die Einschränkung der Lektüreauswahl das andere. Die britische Autorin und Verlegerin Susan Hill geht diesen Weg. Ein Jahr lang hat sie auf die Neuanschaffung von Büchern verzichtet und die Bücher gelesen, die sowieso in ihrem Haushalt vorhanden waren. Wobei der Leser sich unter „Haushalt“ ein gemütliches Cottage in den Cotswolds vorstellen sollte. Buchhändler dürften einen solchen Kaufverzicht auf den ersten Blick wohl kaum gut heißen und Susan Hills Buch Howards End is on the Landing, in dem sie ihre Lektürestreifzüge und ihre Wiederlesen-Erfahrungen nieder geschrieben hat, eher widerwillig an die belesene Kundschaft verkaufen. Schließlich könnten die auf ähnliche Ideen wie Mrs. Hill kommen.
 
Doch bevor ich weiter auf dieses wunderfeine Buch eingehe, das Lektürenotiz, Lesetagebuch und Literaturgeschichte vermischt, ein paar Worte zu Susan Hill, die mir vor einigen Jahren als Krimiautorin das erste Mal in meinem Leserleben begegnete. Ich gestehe, dass ich ihren Krimi The Various Haunts Of Men (dt.: Der Menschen dunkles Sehnen) nicht gerade begeistert gelesen habe. Doch Susan Hill ist nicht nur Krimiautorin, sie hat auch eine wichtige Novelle der modernen, britischen Horrorliteratur geschaffen: The Woman in Black (dt.: Die Frau in Schwarz) dessen eher schwache Verfilmung im letzten Jahr in die Kinos kam und vor allem deshalb für Aufsehen sorgte, weil Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe hier seine erste große Rolle nach dem Zauberlehrling gab. The Woman in Black ist die tragisch-schaurige Geschichte eines jungen Anwalts, der das Erbe einer Verstorbenen verwalten soll und dabei der mysteriösen und angsteinflößenden Frau in Schwarz begegnet. Eine Geschichte im dichten Nebel, mit einem abgelegenen Haus im Watt, toten Kindern und einem knarzenden Schaukelstuhl. Die Anspielung an Wilkie Collins‘ The Woman in White ist bewusst gewählt, die Thematik allerdings verschieden. Eine Radioadaptation des Stoffes steht regelmäßig auf dem Programm der BBC, vor allem zur Weihnachtszeit. Susan Hill ist literarisch, wie man so schön sagt “breit aufgestellt”, was unter anderem auch Howards End is on the Landing beweist.

Lesen in einem englischen Cottage

2009 sind ihre Lektürenotizen, die schon im Untertitel A Year of Reading from Home das Heimelige anklingen lassen, erschienen. Hill entschied sich, als sie durch die Regale ihres Cottages auf der Suche nach einem bestimmten Buch war, dieses nicht fand, dafür aber ganz viele andere entdeckte, zum Verzicht. Ein Jahr lang wollte sie keine neuen Bücher kaufen, sondern vor allem Klassiker lesen. Eine Einschränkung erlaubte sie sich, denn als Rezensentin und Verlegerin musste sie für Zeitungen aktuelle Neuerscheinungen besprechen. Ansonsten standen nur die Bücher zur Verfügung, die sie in ihrem Heim vorfand.
 
Dass sie mit einem Professor verheiratet ist, der Shakespeare unterrichtet und es in ihrem Cottage allein ein ganzes Zimmer mit Werken von und Büchern zu dem großen, englischen Dichter gibt; dass sie einst, durchaus in der Tradition von Virginia und Leonard Woolf einen eigenen, kleinen literarischen Verlag betrieb, sollte einer ausgiebigen Lektüreauswahl nicht entgegenstehen. Kurz: Die Regale von Mrs. Hill sind gut gefüllt und würden vermutlich länger als nur für ein Jahr tägliche und abwechslungsreiche Lektüren garantieren.
 
Am Anfang ihrer Literaturbetrachtungen stehen Überlegungen zu Romantiteln. Wer würde bestreiten, dass The Heart is a Lonely Hunter, If on a Winter’s Night a Traveller… oder auch The Hound of the Baskervilles Romantitel sind, die schon allein Assoziationen wecken, die Bilder evozieren, selbst wenn man das entsprechende Buch nicht gelesen hat oder überhaupt nicht kennt. In diesem Plauderton nähert sich Hill ihren Lektüren. Sie schreibt über den Kriminalroman, dem sie zwar nur wenig, dafür aber einen exakten Platz einräumt. Sie ist eine Traditionalistin, schätzt Dorothy L. Sayers, aber auch einen Stilisten wie Raymond Chandler.

»Sayers is one of a clutch of writers belonging to what is always known as the Golden Age of the Detective Story. When did the detective story, beloved of and sometimes written by Oxford and Cambridge dons, metamorphose into the Crime Novel? Probably not until the end of the twentieth century, though in America great novelists and stylists like Raymond Chandler are better described as crime or even thriller-writers than writers of detective stories.«Susan Hill

Ihr Blick streift weiter durch die Regale, verlässt den Krimi und landet in dem Regal, in dem E.M. Forster, den sie einst als junge Frau selbst kennenlernen durfte, steht. Forster, dessen Howards End den Streifzügen durch die Regale den Titel gibt, ist für sie einer der wichtigsten, englischen Autoren, dessen stilistische Brillanz immer noch strahlt und sie als Autorin beeinflusst hat. Auch für mich war die Erwähnung von Howards End im Titel der Catcher, schließlich zählt die Geschichte der Schlegels und Wilcox‘ zu einem meiner Lieblingsbücher.

Plaudern ohne zu Plappern

Bücher und Begegnungen, all das beschreibt Hill charmant, im angenehmen Plauderton, ohne zu plappern. Ein gutes Gespräch mit einer belesenen Freundin bei einer Tasse Tee oder einem Rotwein – so ist Howards End is on the Landing. Eine angenehme und lehrreiche Reise durch die englische Literatur, eine persönliche Literaturgeschichte, die keinen Kanon bilden möchte, sondern manche Klassiker und ihre literaturkritischen Bewertungen in Zweifel zieht. Etwa bei der Frage, warum Anthony Trollope derartig im Schatten von Charles Dickens steht. Im deutschsprachigen Raum vermutlich noch stärker als im englischen, denn Trollope ist hierzulande kaum bekannt. Dabei hat er vor über 130 Jahren mit The Way We Live Now einen Roman über die menschliche Gier geschrieben, der aus der Ferne ein Schlaglicht auf die Bankenkrise unserer Tage wirft. Manche Texte sind eben zeitlos.
 
Am Ende von Hills persönlicher Literaturgeschichte findet sich eine Bücherliste: The Final Forty. Es ist ihr persönlicher Kanon, immer mit der Prämisse, jeweils nur ein Buch von einem Schriftsteller darin aufzunehmen (was sie nicht durchhält). Iris Murdoch, Nancy Mitford und Carson McCullers stehen neben Fjodor Dostojewski oder Thomas Hardy. Überhaupt ist es eine Liste, auf der Autorinnen überwiegen. Tolstoi hingegen fehlt, wie viele, viele andere auch. Susan Hill – vielleicht der einzige Vorwurf, den man ihr machen kann – wirft einen sehr britischen Blick auf die Literatur. Aber wer hat schon umfassend die Weltliteratur im Auge, wenn er seine vierzig Bücher für die Insel packt? Auch das verdeutlichen Hills Notizen: Jeder Leser schafft sich im Laufe seines Lebens seinen eigenen Kanon, jeder erliest sich die Bibliothek in seinem Kopf, die er haben möchte und mag sie dann auch fast nur aus englischen Autoren bestehen, oder aus Kriminalromanen oder aus Liebesgedichten, oder, oder oder.
 
Vielleicht schauen Sie einmal durch ihre Regale und entdecken Schätze, die Sie längst vergessen haben oder noch nie gelesen haben. Und wenn da nichts sein sollte – Hills Reise durch die Bücherregale hält zahlreiche Anregungen für künftige Lektüren bereit. Falls Sie diese Bücher dann nicht in ihrem Regal entdecken – Ihr Buchhändler freut sich über Ihren Besuch.

Was Sie noch wissen sollten

Obwohl Susan Hill keine E-Books mag, habe ich die englischsprachige Kindle-Ausgabe von Howards End is on the Landing gelesen. Eine deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt.
 
Die bibliographischen Angaben
Susan Hill: Howards End is on the Landing : A Year of Reading from Home. – London : Profile Books, 2009.
ISBN 978-1-84765-263-8
 
Susan Hill hat eine Internetseite und twittert.

Lesen Sie wohl.

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