Verschlossene Herzen: Eine Liebe nach dem Trauma

Steve Hamilton: Der Mann aus dem Safe

Fein gesponnene Liebesgeschichten in Kriminalromanen entdecke ich bei meinen Lektürestreifzügen selten. Dabei ist die Liebe – oder das, was sich dafür hält – eines der stärksten Motive für kriminelles Verhalten. Liebe liefert reichlich erzählerischen und dramatischen Stoff: Missverständnisse, Ablehnungen, Verwicklungen, Verbote bis hin zur Eifersucht als ein klassisches Mordmotiv. Eine Binsenweisheit, das ist mir schon klar. In vielen Kriminalromanen ist die “Love Story” oft eher ein Nebenplot, eine Randerscheinung. Romantische Thriller, Mystery und Konsorten blende ich an dieser Stelle einmal dezent aus.
 
Die Liebesgeschichte in Steve Hamiltons Roman Der Mann aus dem Safe hingegen ist das treibende Moment, das Grundmotiv, das sich durch diesen Kriminalroman zieht, der eben auch eine filigran erzählte Liebesgeschichte ist. Michael trifft Amelia. Beide leben mit einem Kindheitstrauma. Amelia, Tochter eines Betreibers von Fitnessstudios, hat ihre Mutter durch Selbstmord verloren. Michael, der Ich-Erzähler des Romans, musste als Achtjähriger mit ansehen, wie sein Vater seine Mutter und deren Liebhaber erschoss. Michael rettete sich vor seinem amoklaufenden Vater in dessen Waffentresor. Er karrt den Tresor samt Michael zum Fluss und versenkt ihn. Michael kann in letzter Minute gerettet werden und spricht seitdem nicht mehr. Schon hier eine Liebesgeschichte als Auslöser und mit dramatischen Folgen.

»Ich kann jeden in Grund und Boden schweigen, an jedem Austragungsort, für jeden Wetteinsatz. Ich bin der unangefochtene Champion im Mundhalten und stumm Dasitzen wie ein Möbelstück.«Steve Hamilton

Als Amelia und Michael sich das erste Mal begegnen, sind beide 17 Jahre alt. Es ist Michaels traumatisches Erlebnis, das ihn zu Amelia und ihrem Vater, Mr. Marsh, führt. Aufgewachsen in der Nähe von Detroit bei seinem Onkel Lito, entwickelte Michael nach dem Amoklauf nicht nur ein gutes Gehör, er verfügt über Fingerfertigkeit und zeichnerische Begabung. Der Anlass, warum Michael überhaupt zu den Marshs kommt, liegt in seinem weiteren Talent: er kann Schlösser und Tresore knacken. Er ist ein Panzerknacker-Genie, ein Wunderkind, wie er von der Presse bezeichnet wird. Eben diese Begabung bringt ihn zum ersten Mal in Konflikt mit dem Gesetz. Gemeinsam mit Schulkameraden bricht er in das Haus der Familie Marsh ein, um Adam, Amelias Bruder, ein Banner mit der Aufschrift Milford tritt Euch in den Arsch zu hinterlassen. Ein Streit zwischen zwei Football-Mannschaften, der dummerweise für Michael in Handschellen endet. Seine Klassenkameraden können fliehen, Michael wird geschnappt und erweist sich für Polizei und Bewährungshelfer als harter Hund. Er schweigt beharrlich darüber, wer ihn zu diesem Einbruch angestiftet – nicht nur, weil er nicht spricht. Michael kann im doppelten Sinne schweigen. Zur Strafe muss er Sozialstunden bei der Familie Marsh ableisten, der Täter-Opfer-Ausgleich ist gerade sehr angesagt, wie Michael bissig und als dezenten Seitenhieb auf das US-amerikanische Rechtssystem bemerkt. Mr. Marsh verdonnert ihn dazu, bei praller Sonne im Garten das Loch für einen Swimmingpool auszuheben. Das Angebot von Mr. Marsh, lieber in der Sonne zu liegen, wenn er nur seine Mittäter verraten würde, schlägt Michael immer wieder aus.
 
An einem dieser heißen Sommernachmittag also begegnet Michael dann Amelia. Nach der ersten, eher störrischen Begegnung – Michael soll endlich die Klappe aufmachen – entwickelt sich das, was diesen Roman so zauberhaft werden lässt: eine Liebesgeschichte. Die erzählen sich die beiden Liebenden nicht mit Briefen, sondern mit Comics. Auch Amelia ist eine Künstlerin und Panel für Panel zeichnen sich die beiden ihre Liebesgeschichte.
 
Aber eine Liebesgeschichte ohne Drama ist langweilig. Nicht nur, dass Vater und Bruder Marsh strikt gegen die Liaison der beiden sind, Mr. Marsh steckt auch in der Klemme. Er hat sich mit Kredithaien eingelassen und die wollen ihr Geld zurück. Da kommt ihm Michaels Gespür für alles Verschlossene wie gerufen. Er vermittelt Michael an den Mann, den alle nur als Ghost kennen und der über einen ausgezeichneten Ruf als Panzerknacker verfügt. Er ist der Verbindungsmann zu einem Mafiaboss, und in dessen Auftrag soll Michael verschlossene Türen öffnen, hintern denen viel Geld liegt. Würde Michael ablehnen, so würde er nicht nur Amelia verlieren, sondern womöglich sterben. Seine Karriere als Lehrling des legendären Ghosts beginnt.

Ein Schlüsselroman

Steve Hamilton, der das undankbare Label “Geheimtipp” als Autor trägt, erweist sich einmal mehr als ein Sprachkünstler der Atmosphäre. Wer seine Alex-McKnight-Krimis kennt, die einst teilweise in der DuMont-Kriminalbibliothek in deutscher Übersetzung erschienen sind (unter anderem: Ein kalter Tag im Paradies), mag sich erinnern an das kalte, harrsche Klima des Ortes Paradies am Lake Superior im Norden Michigans, in dem Hamilton seinen Polizisten McKnight auf Mördersuche schickte. Hier, in The Lock Artist, der 2011 mit dem Edgar ausgezeichnet wurde, gelingt es Hamilton erneut, eine atmosphärisch dichte Welt zu schaffen, die dank einer präzisen und lakonischen Sprache im Hirn des Lesers entsteht. Die Großstadt Detroit und ihre Vororte beschreibt Hamilton ebenso greifbar wie das billige Zimmer in New York, in dem Michael zeitweise wohnt oder die sonnendurchfluteten Momente in Kalifornien, wo Michael als Erwachsener mit einer Einbrecherbande die nächsten und schließlich seinen gefährlichsten Coup plant.
 
Gezielt gesetzte Hardboiled-Elemente sorgen für die kriminalliterarische Spannung, brutale Szenen und schnelle Motorradfahrten treiben das Tempo voran, um dann wieder stille Momente in Michaels kaputter Psyche Platz zu machen. Ohne Kitsch und Klamauk schafft es Hamilton, die Liebesgeschichte souverän und glaubwürdig darin einzubetten. Es ist ein psychologisch fein geschliffenes Porträt, dessen Anti-Held Michael Sympathieträger und Hinters-Licht-Führer zu gleich ist. Denn so verschlossen Michael auch ist, seine komplexe und feingliedrige Innenwelt wird nach und nach geöffnet. Hamilton ermöglicht mit Rückblenden – der Roman wird aus der Perspektive des erwachsenen Michael erzählt – einen klug inszenierten, nie vo­yeu­ris­tischen Blick in die Gefühlswelt von traumatisierten Jugendlichen. Durchaus ein Schlüsselroman – im doppelten Sinne.

Was Sie noch wissen sollten

Gelesen habe ich die deutsche Übersetzung von Karin Diemerling, die bei Droemer erschienen ist. Einige Passagen habe ich in der englischsprachige Kindle-Ausgabe, die bei Orion erschienen ist, nachgelesen.
 
Die biblographischen Angaben:
Steve Hamilton: Der Mann aus dem Safe . – Aus dem Englischen von Karin Diemerling. – München : Droemer, 2012.
ISBN 978-3-426-22621-6
 
Englischsprachige Kindle-Ausgabe:
Steve Hamilton: The Lock Artist. – London : Orion Books, 2010.
ISBN 978-1-4091-0697-5
 
Steve Hamilton hat eine Internetseite, ist bei Twitter und Facebook zu finden.
 

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