Von wegen wisch & weg

Der Anspruch: crossmedial. Die Herangehensweise: ein Magazin für’s iPad. Die Umsetzung: gelungen. Die Täter: Megan Abbott, Nancie Clare und Rip Georges. – Seit Ende Dezember 2012 gibt es bei iTunes die erste Ausgabe von NOIR Magazin, einem elektronischen Journal, das sich nach den Vorstellungen der Macher den Themen „Krimi“ und „Thriller“ in all ihren Erscheinungsformen – Buch, Graphic Novel, Filme, TV-Serien, Videospiele und Podcast – nähert und für 4,99 US-Dollar gekauft werden kann. Schon im Vorfeld sorgte das NOIR Magazin für Aufsehen, zumindest in der aufgeweckteren, englischsprachigen Krimiwelt. Denn NOIR Magazin wurde als ein Crowdfunding-Projekt bei Kickstarter geboren. 35.000 US-Dollar wurden für den Start gesucht – und über Schwarmfinanzierung recht schnell gefunden.
 
Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob ein solches Projekt – vielleicht auch „nur“ als Print- oder Online-Ausgabe – in Deutschland überhaupt möglich wäre. Das ist zu deprimierend. Mein Blick richtet sich lieber auf die erste, edle Ausgabe, die jetzt auf meinem iPad – im wahrsten Sinne des Worte – glänzt. Krimiautorin Megan Abbott (aktueller Roman Dare Me) betreute als Herausgeber die erste Edition und konnte so bekannte Autoren wie Michael Connelly, der sowohl als Interviewpartner wie auch als Autor eines Artikels über Jack Reacher auftritt, Laura Lippman, die mit der Kurzgeschichte A Good Fuck Spoiled vertreten ist oder Lee Child, der ein Portrait über seine Figur Jack Reacher (ja, der kommt doppelt vor) verfasst hat, gewinnen. Die Texte sind allesamt lesenswert, knackig, kurz und dabei informativ und unterhaltsam.

»Noir is no longer just retro, it’s the dark glittering world behind the curtain where all the things that we feel – desire, greed, longing, passion – are.«Megan Abbott

Literaturkritik findet hier nicht statt, zumindest nicht so, wie sie sich der selbstgefällige Feuilletonismus deutscher Prägung vorstellt. Die Magazin-Autoren nähern sich in überschaubaren Texten den Themen, die in den Bereich „Noir“ gehören oder gehören könnten. Ohne Dogma, ohne Strenge, spielerisch, unterhaltsam und doch journalistisch akkurat wird Kriminalliteratur in allen Ausprägungen beleuchtet. Dabei sind alle Texte typographisch ansprechend und lesefreundlich aufbreitet. Wie von anderen iPad-Magazinen bekannt, wischt sich der Leser durch die Ausgabe und entdeckt dabei Links zu kleinen Infokästen oder zu eingebetteten Videos. Cary Georges hat zum Beispiel 30 schöne Movie Titeles, Vorspäne von Kriminalfilmen, zusammengetragen, die der Betrachter bequem auf dem iPad anschauen kann, in bester Qualität. Eine – für ein Magazin schon obligatorische – Fotostrecke über „Fashion Victims“ von Melanie Pullen erhellt das Verhältnis von Kriminalität und Mode. Gerade bei Fotografien ist das iPad mit seiner Brillanz fast unschlagbar. Und Hingucker sind die Bilder von Mullen auf jeden Fall.
 
Klingt alles albern? Für den deutschen Literaturbetrieb und die behäbige Literaturkritik mag das sein. Spielkram für Nerds, denen jegliche „ernste“ Auseinandersetzung mit Krimi völlig abgeht. Doch wer das so sieht – ein iPad-Magazin für wisch & weg – der denkt zu kurz. Gerade auf Tablet Computern entwickeln intelligent gemachte Magazine – und zwar solche, die wirklich Magazine sind, und nicht nur einfach nur das Kürzel „mag“ im Titel tragen – neue Wege für die Beschäftigung mit Kriminalliteratur, Kriminalfilmen, Kriminalspielen. Die einzelnen medialen Formen – Text, Video, Audio, Comic, Fotos – werden hier ihren spezifischen Bedürfnissen an- und entsprechend aufbereitet und in einen größeren Kontext gestellt. Wie selbstverständlich folgt auf ein Interview und einer fabelhaften Fotostrecke in Schwarzweiß mit Damian Lewis – dem Schauspieler aus der TV-Serie Homeland – eine Graphic Novel von Lyndsay Faye und Ken Hooper. Oder ein paar Wische weiter gibt es die True Crime Story über den Fall Thomas Quick zu lesen, der als Drogenabhängiger vorgab, über 30 Menschen getötet zu haben und seine Geständnisse dann widerrief.
 
NOIR Magazin bietet allen möglichen Facetten von „Krimi“ einen ansprechenden Rahmen und den Lesern ein kluge und unterhaltsame Beschäftigung. Der Start des iPad-Magazin ist gelungen, wenn ich mir auch für weitere Ausgaben vor allem im Videobereich mehr eigene, originäre Inhalte – ein eigens gedrehtes Interview oder Filmporträt zum Beispiel – wünschen würde. Und die Lösung eines rein technischen Problems: Nämlich, dass das NOIR Magazin auch für Android Tablets im Google PlayStore zu haben ist. Eine Kindle-App, so war vor einigen Tagen zu lesen, soll auf jeden Fall in Planung sein. Gut wäre es – für ein moderne Krimi-Magazinkultur und für interessierte Leser, die gerne über den Tellerrand hinaus wischen möchten.

Was Sie noch wissen sollten

Die erste Ausgabe vom NOIR Magazin finden Sie im iTunes-Store von Apple. Bei Kickstarter können Sie noch einmal die Entstehungsgeschichte des Magazins nachlesen. Und das Magazin hat eine eigene Facebook-Seite.
 
Für diese Attraktion ist ein Krimi-Quickie erhältlich. Mehr Krimi-Quickies gibt es hier.

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