Ausgelesen: Der Krimi-Rückblick 2012

Drei Krimis für 2012 – Ein Rückblick des Krimibloggers

Es muss Ende Mai gewesen sein. Vermutlich schien die Sonne. Möglicherweise war ich auf Reisen, zu Besuch bei meiner Mutter, die in diesem Jahr sachte zunehmend in die Demenz abglitt. Auf einer dieser Reisen begleitet mich ein Sammelband, der für mich das liebste Buch 2012 werden sollte: Crime Novels: American Noir of the 1930s & 40s. Herausgeber Robert Polito, der unter anderem Savage Art, die Biographie von Jim Thompson, verfasst hat, bringt hier sechs Kriminalromane, sechs Noir-Romane zusammen, die wohl den Titel „Klassiker“ – im Sinne von innovativ, einzigartig und herausragend – verdienen. Besonders Nightmare Alley von William Lindsay Gresham war für mich die Klassiker-Entdeckung 2012.
 
Herausragend ist der Roman von Gresham vielleicht auch deshalb, weil die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Stan Carlisle soviel über unsere Zeit – Depression und gnadenloses Showgeschäft, Brot und Spiele, Flucht in Aberglaube und Religion – erzählt. Eine Geschichte, deren Hintergrund das Leben der Carnys bildet, einer sehr US-amerikanischen Mixtur aus Jahrmarkt, Zirkus und Sensationsgier. Zu diesen Carnys – eine deutsche Übersetzung ist schwerlich zu finden – stößt Stan Carlisle, verliebt sich in die mitreisende Kartenlegerin, um dann mit einem jungen, debilen und vaterlosen Mädchen als Hellseher durch das gelobte Land zu ziehen. Kleinstadtmief wechselt sich ab mit großstädtischer Arroganz und überall lauert die Dummheit, der geradezu masochistische Wunsch, betrogen und belogen zu werden. Betrogen von einem, der im Titel der Verfilmung als Scharlatan beschreiben wird.
 
In der Endzeitstimmung des Romans, seiner Trostlosigkeit und seiner sicheren Erkenntnis, dass all unser Leben letztlich nutzlos und vergänglich ist, liegt tatsächlich etwas Beruhigendes. Das – für deutsche Augen – fast schon exotische, fremde Setting der Carnies, holte mich als Leser aus einer andern Realität ab, gaukelt mir eine hässliche Fiktion vor, um mich am Ende zurückzuwerfen auf diese Straße, die Gresham Nightmare Alley nennt. Das Leben, ein lebenslänglicher Alptraum, an dessen Ende der Tod wartet. Realitätscheck auf die harte Tour – und doch hilfreich und stützend. Auch so kann man mit Depressionen umgehen. Das hat auch und gerade in diesem Jahr viel mit mir zu tun gehabt und deshalb ist Nightmare Alley von William Lindsay Gresham mein Buch des Jahres 2012. Über den prägnanten Stil, der fantasievollen Dramaturgie (Tarot-Karten weisen dem Leser den Weg) und der straffen Figurenzeichnung brauche ich da gar nicht mehr zu schreiben. Auch nicht über die schauderhafte Szene im Leichenkeller eines Krankenhauses.
 
Regen, frühes Frühjahr, graues Hamburg. Bestes Setting für deutsche Krimis, von denen mich besonders Christine Lehmanns Totensteige beschäfigt hat. Danke, liebe Frau Lehmann, für diese klugen, rasanten und spannenden Lesestunden. Totensteige hat mir als Medienschaffenden (bin ich wohl, obwohl ich das manchmal auch nicht so recht vorstellen kann), einen blankgeputzten Spiegel vorgehalten hat. Gut so. Literatur redet Tacheles, Lehmann tut das auf manchmal schnoddrige (so ist Lisa Nerz gelegentlich), manchmal auf eiskalte, manchmal auf charmant-scharfe Art und Weise. Dazu ein abgedreht-turbulenter Plot, der einen so richtig durchschüttelt. Das mir dabei als Leser Angela Merkel über den Weg läuft – wunderbar. Welcher deutsche Krimiautor oder welche Krimiautorin würde das glaubhaft (!) hinbekommen? Christine Lehmann schafft es mühelos und elegant. Und wieder diese Wunderheiler und Geisterseher – womit ich fast nahtlos an den Gresham hätte anknüpfen können. Egal, wichtig ist: Totensteige – unbedingt lesen, wer es noch nicht getan hat.
 
Sommernachmittage im Bett, Sonnenschein, Sonntagsblues. Als drittes Buch, das mich 2012 begleitet hat, möchte ich Ariel S. Winters Dreier-Roman The Twenty-Year Death erwähnen. Ein Krimidebüt – Winter hat bislang ein Kinderbuch veröffentlicht- dass auf den ersten Blick mit auf der Retro-Welle schwimmt. Retro wird uns vermutlich in den nächsten Monaten noch intensiver beschäftigen. Doch bei Winter ist das eben nicht nur Retro.Der 32-jährige Autor aus Baltimore hat drei ineinander verwobene Pastiches geschrieben, die Georges Simenon, Raymond Chandler und Jim Thompson huldigen. Das ist so fantasie- und liebevoll gemacht, dass man sehr gerne eine Zeitreise in die Kriminalliteratur der 30er bis 50er Jahre unternimmt. Als feiner, roter Faden führt der amerikanische Schriftsteller Shem Rosenkrantz durch die Geschichten, die in einer finsteren, französischen Gefängnisstadt mit einer traurigen Liebegeschichte beginnen, ihren Weg über das glitzernde Hollywood der 40er Jahre und einem abgewrackten Privatdetektiv samt toten Frauen nehmen, um schließlich im dritten Teil mit dem gealterten Shem Rosenkrantz enden, der dank Alkohol und fataler Liebe langsam in den Wahnsinn abgleitet. Grandios arrangiert, erzählerisch durchaus auf einer Ebene mit dem wunderbaren Gilbert Adair und seinen drei Pastiches auf Christie, Hitchcock und Doyle. Vielleicht ein wenig traditioneller gefasst, nicht ganz so spielerisch postmodern, wie es Adair vormacht, dafür um so stimmungsvoller und packender. Und eben eine Hommage an die eher finstere Kriminalliteratur – im Gegensatz zu Adair, der eher der englischen Schule verpflichtet ist.
 
Dezember im Hochsauerland, Einheitsgrau, Zwischenzeit. Was bleibt also von diesem Jahr? Es war ein mieses Lesejahr für mich, viel zu wenig Bücher, viel zu wenig Zeit. Tröstlich allerdings, dass fast alle Bücher, die ich in diesem Jahr vor die Augen bekamm, ihre Zeit wert waren. Flops kann ich nicht entdecken, sondern tolle älter und spannende neue Autorinnen und Autoren. Auf das meine Lektüren 2013 mindestens genau so gut werden wie 2012. Und Ihre selbstverständlich erst recht!

Was Sie noch wissen sollten

Die bibliographischen Angaben:
William Lindsay Gresham: Nightmare Alley. – Enthalten in: Crime Novels: American Noir of the 1930s & 40s. – New York : The Library of America, 1997
ISBN 978-1-883011-46-8
 
Christine Lehmann: Totensteige. – Hamburg: Argument-Verlag, 2012
ISBN: 978-3-86754-189-3
Ariadne-Krimi ; 1189
 
Ariel S. Winter: The Twenty-Year Death. – New York : Hard Case Crime , 2012
ISBN: 978-0-85768-581-0
 

Lesen Sie wohl.

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