Fabelhafte Verbrechen

Guido Rohm: Die Sorgen der Killer

Er ist ein „Genreterrorist“, der Guido Rohm. So nennt er sich. Sagt einer seiner Verlage. Ja, kann ich da nur sagen: Das stimmt! Aber das bisherige Werk von Guido Rohm ist zu wichtig, um dessen Kommentierung ihm selbst zu überlassen. Sie kennen das doch : Autoren lügen das Graue vom Himmel und Guido Rohm ist ein Meister darin.
 
Also, eine Kurzeinführung in das Werk des Schriftstellers: Angefangen hat es 2010 für mich mit dem Knallerroman Blut ist ein Fluss. Als Meta-Kriminalroman habe ich ihn damals bezeichnet und das ist er immer noch (hab’s neulich noch mal lesend überprüft). 2011 folgte der nicht minder knallermäßige Roman Blutschneise. Eine Hommage an Jim Thompson und all die vergessenen, verkannten und überlesenen Meister der Noir-Bande. Eine blutgetränkte, orgiastische Kapitalismus-Kritik, ein Roman, der eigentlich in jedes Occupy-Camp gehört. Dazu ein Gastauftritt und Tod des Autors – willkommen in der postmodernen Wirklichkeit der Fiktion! Wie gesagt, alles sehr metamäßig. Aber wie das so ist mit Autoren, deren Vielfältigkeit erkennst Du nur, wenn Du liest, wie sie Kurzgeschichten schreiben. Romane auswälzen kann ja mittlerweile fast jeder. Glücklicherweise sind die Romane von Herrn Rohm knackig und kurz.
 
Stories hat der Autor bislang in einigen Online-Magazinen veröffentlicht und in kleinen Einzelbänden. Nun also die Anthologie Die Sorgen der Killer, die die literarischen Quickies des Mannes vereint, von dem Thor Kunkel sagt, niemand experimentiere so kreativ mit Kriminalliteratur wie Guido Rohm. Ende Vorspiel/Vorspann – in medias res.
 
13 CrimeStories – der Begriff steht so auf dem Cover – versammelt das Buch und meinen persönlichen Schockmoment lieferte mir die Erzählung Im Schloss. Verdichtet darin werden die Erinnerungen eines Nazi-Schergen, der von seiner Frau mit Fragen malträtiert wird, nachdem, was damals geschehen ist, ob er selbst ein Mörder war oder, wie er es nennt, ein „Archivar des Todes“. Akten hat er verwaltet, Fotos von KZ-Insassen, die ihrem nahen Tod ins Auge blickten. Bilder, die ihn nicht loslassen und die er vor anrückenden, feindlichen Truppen vernichtet hat – alles nur auf Befehl. Jetzt, so deutet es sich an, wird er selbst bald sterben. Auf zwölf Buchseiten wird hier eine erschreckende Geschichte über die Schuld eines Mitläufers, seine Gewissensqualen und seine Uneinsichtigkeit erzählt. Wer erahnen möchte, was hinter den starren Gesichtszügen all jener Kriegsverbrecher, die wir gelegentlich im Fernsehen sehen, sich verbergen mag – bei Guido Rohm bekommt er möglicherweise eine Antwort.

Ausgeklügelter Affront

Ist Im Schloss die Story eines Täters, so schildert in der Erzählung !toT ein Opfer seinen gewaltsamen Tod. Vincent wird von einer Gruppe Skinheads im Park überfallen. Was in diesen Tagen fast schon alltäglich ist, bei Guido Rohm bekommt die Geschichte einen fesselnden Dreh, denn Rohm bürstet die Zeit gegen den Strich. Vincent erzählt seinen Tod im Rückwärtsgang. Kein einfacher, schriftstellerischer Trick, den Rohm hier anwendet, sondern ein konsequenter Stilbruch, der präzise eingesetzt wird.
 
Wie auch in der Erzählung Offline, in der Rohm an die Thematik seines Romans Blutschneise anknüpft. Der Teufelskreis der Gewalt wird von Aljoscha, dem Ich-Erzähler, durchbrochen. Er arbeitet für die Produzenten von Snuff-Live-Chats im Netz. Er muss die toten Mädchen, die vor laufender Kamera für gut zahlende Kunden gequält und gemordet werden, wegräumen. Dank Rohms grandioser Schnitttechnik befindet sich Aljoscha dann jedoch wieder in seinem Heim und erinnert sich an seine eigenen, quälenden Erfahrungen. Die Auflösung der Opfer- und der Täterperspektive, gar das Verschmelzen beider, wird hier lesenswert aufgezeichnet.
 
In der Erzählung Die Sorgen der Killer spielt Rohm wiederum den Trumpf der Meta-Ebene aus. Ein Serienkiller, der seine Opfer in billigen Hotels tötet und zerstückelt, jammert. Über die Anstrengung des Zerstückelns, über sein Aussehen, über Rückenschmerzen. Die Banalität des Bösen – wären da nicht die Einschübe, die ihn möglicherweise nur als Comicfigur sehen. Diese Erzählung ist ein eiskalter und ausgeklügelter Affront gegen all die dämlichen Serienkiller-Schmonzetten, die unsere Verlage und Buchhandlungen auskotzen.

»Im Fernsehen läuft eine Spielshow. Die gefällt ihm. Die lenkt ab. Als würde es keine Vergangneheit geben. Es gab ja auch keine Vergangenheit. Die hatte er vernichtet. Trotzdem stehen die Worte jetzt sprungbereit auf seiner Zungenspitze und plötzlich, ohne dass er es will, löst sich das erste Wort mit ausgebreiteten Armen und segelt todesmutig direkt ins Wohnzimmer hinein.«
Guido Rohm

Jeder der Erzählungen in Die Sorgen der Killer glänzt zudem durch ihren eigenen Ton. Ein hektischer stream of consciousness eines Irren in Unterwelt, ein kaltschnäuzig geschilderter Bericht eines jugendlichen Amokläufers in Noch 2 Stunden oder ein poetisch gestimmte Absurdität wie in der letzten Erzählung Leise Killer. Guido Rohm spielt perfekt auf der Klaviatur des fiktionalen Schreckens mit Tönen, die aus unser aller Alltag kommen. Als „Genreterrorist“ hat er nichts mit Albernheiten wie jenen „Wer wars?“-Spielchen oder dem „mein-Killer-ist-noch-brutaler-als-deiner“-Ringelpietz zu tun. Seine CrimeStories sind fabelhafte Verbrechen am etablierten Krimi-Geschmack. Möge er weiter morden – und lügen!

Was Sie noch wissen sollten

Gelesen habe ich die Buchausgabe, die im März 2012 im Verlag Kulturmaschinen erschienen ist.
 
Die bibliographischen Angaben lauten:
Guido Rohm: Die Sorgen der Killer : Crime Stories. – Berlin: Kulturmaschinen Verlag, 2012. – ISBN: 978-3-940274-39-7
 
Der Guido Rohm bloggt aus der Pathologie, hält Auslagen bereit und schreibt für verschiedene Magazine in diesem, unseren Internet. Ich kenne Guido Rohm virtuell, wir schreiben uns gelegentlich E-Mails und planen schon seit einiger Zeit, uns gelegentlich mal zu treffen. Sein Kumpel, der Autor Tom Torn, hat sich übrigens auch noch nicht bei mir blicken lassen.

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