Schräglage

Dieter Paul Rudolph: Der Bote

Hat der Kriminalroman eine Zukunft? Bekanntlich leben Totgesagte länger und womöglich lautet die Antwort: Ja. Die Antwort materialisiert sich im Jahre 2168 und wird von einem Herren namens Dieter Paul Rudolph gegeben. In diesem, unseren Netz ist Herr Rudolph unter seinem Arbeitskürzel dpr bekannt. Jener Herr Rudolph schickt sich an, die Gesetze auszuhebeln. Die Gesetze der Zeit. Die Gesetze der Moral. Die Gesetze des Genres. Kurz: Dieter Paul Rudolph ist ein Verbrecher. Im Sinne des Kriminalromans kann das nur gut sein.
 
Bereits heute, im Jahre 2012, schickt er einen Boten los. Der heißt dann auch Der Bote und nennt sich „Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit“. Obacht, werte Feindinnen und Freunde! Das ist übelste Wortspülhölle. Gute alte Zeit. Ha, das ich nicht lache! Raus gefallen ist er, der Bote, aus der Zeit, der guten Alten. Eingeschlichen hat er sich in das Jahr 2168. Und da zu der Zeit der Ort gehört, sei er gleich genannt. Bannkies heißt das Kaff, vornehm von Herrn Rudolph auch als „Weiler“ bezeichnet, in dem diese Mordsgeschichte spielt. Im Zeitalter der abgenippelten Regionalkrimis wirkt ein Wort wie „Weiler“ geradezu exotisch.

»Oh, ich habe Märchen nie gemocht, doch jetzt begann ich sie zu verachten, und noch mehr die Köpfe, in denen sie ausgebrütet worden waren und immer noch ausgebrütet wurden. Kein anderes Land – eine andere Zeit! Wie konnte solch ausgemachter Irrwitz in einem klugen Kopf überleben?«Dieter Paul Rudolph

Ein Fremder ist ermordet worden: Am Morgen des 11. August 2168 entdeckte die junge Lene einen Mann mit eingeschlagenem Schädel. So vermeldet es uns der Autor gewissenhaft. Ein namenloser Kriminalrichter wird entsandt, um den Mord zu klären. Ihm werden wir Leser fortan überlassen, er führt uns durch diese karge und doch attraktive Romanlandschaft, die einer Ruine gleicht. Leere Häuser, verarmte Bewohner, drückende Hitze, Mangel an Wasser. Ein ungemütlicher, ein dystopischer Ort, diese Bannkies. Eine hölzerne Leitung, bewacht von einem Läufer, versorgt den Weiler mit Wasser. Ein Plastikkanister, der bei dem Toten gefunden wurde, gilt als sensationeller Fund und über das Reisen mit so genannten Automobilen wird gemunkelt, man würde krank davon werden. Märchen und Mythen bestimmen die Unterhaltung und das Denken.
 
Der Kriminalrichter trifft hier auf die Dorfhonoratioren, den Bürgermeister, den Wirt, den Magister und auf die junge Lene, die sich ihm schon in der ersten Nacht anbietet – was er ablehnt. Lene hat den Toten entdeckt und Lene verbirgt etwas. Noch bevor er mit seiner Untersuchung beginnen kann, gibt es einen zweiten Todesfall. Schöning, der Gehilfe des Richters, der ihm eigentlich nach Bannkies nachfolgen sollte, stirbt angeblich an einem Virus. Statt seiner entsendet das Kriminalgericht Södermann, der ebenfalls Kriminalrichter sein soll. Der nimmt die junge Lene als mögliche Täterin ins Visier, wogegen sich unser namenloser Kriminalrichter sträubt. Die Situation spitzt sich zu, als Södermann Lene verhaften lassen will – es gibt einen weiteren Toten.

Die Zukunft hat begonnen

Wenn dereinst weitsichtigere Kriminalliteraturwissenschaftler als unsere heutigen auf den Boten von Dieter Paul Rudolph treffen, dann werden sie womöglich darin einen wundersamen Abgesang auf eine ganze Reihe von literarischen Gattungen sehen. Ein Abgesang auf den Kriminalroman, auf den Regionalkrimi, auf Science-Fiction-Literatur. Rudolph wirbelt in einem grandios komponierten Roman Zeit, Ort und Erzählkonventionen durcheinander. Zeit und Raum verschieben sich in einem atemberaubenden Tempo. Und mit ihnen geraten auch die überlieferten Perspektiven der Kriminalliteratur in Schräglage. Ein Täter erzählt – aber wer ist hier kein Täter? Schuld – was ist das überhaupt? Lügen, Mythen und Märchen gehören seit Menschengedenken zu unserem erprobten Überlebenskampf und sie werden es vermutlich auch in 156 Jahren tun. Der ausgetrocknete Weiler Bannkies ist unsere trostlose Großstadt, unser eintöniges Dorf. Der Kriminalrichter – Dürrenmatt lässt grüßen – das sind auch wir.
 
Ein verstörender und unbequemer Roman, dessen kraftvoller Realismus gebrochen und veredelt wird durch die bildstarken Phantasie des Autors. Die Mechanismen von Macht und Ohnmacht, von Durchtriebenheit und Dummheit legt Rudolph in einem zukunftsweisenden Stück Literatur offen. Rosige Aussichten also für den Kriminalroman, an deren Anfang ein Abgesang steht? Ich befürchte zwar, dass es nur wenige Leser gibt, die so etwas zu goutieren wissen. Allerdings: Nicht jede Dystopie – übrigens momentan total angesagt – muss Wirklichkeit werden. Kaufen, lesen und dabei sein, wenn die Zukunft der Kriminalliteratur beginnt!

Was Sie noch wissen sollten

Gelesen habe ich die Buchausgabe, die im März 2012 im Conte-Verlag erschienen ist.
 
Die bibliographischen Angaben lauten:
Dieter Paul Rudolph: Der Bote. – Saarbrücken : Conte Verlag, 2012. – ISBN: 978-3-941657-61-8
 
Der Dieter Paul Rudolph bloggt unter dem Kürzel dpr bei hinternet.de, verfasst einen Endlos-Roman und schreibt eine Kolumne für die Krimi-Couch. Ich bin mit Dieter Paul Rudolph bekannt, wir schreiben uns gelegentlich E-Mails und haben uns vor einigen Jahren auf der Frankfurter Buchmesse getroffen.
 
Letzte Aktualisierung am 3. April 2012: Ich habe den Link zum Edwin-Drood-Projekt ergänzt.
 

Lesen Sie wohl.

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