Roadmovie mit Pferden

Patrick deWitt: The Sisters Brothers

»You will often see this scenario in serialized adventure novels: Two grisly riders before the fire telling their bawdy stories and singing harrowing songs of death and lace.«Patrick deWitt
 
Und wenn sie nicht gestorben sind, reiten sie noch heute. Zwei Brüder. Zwei Auftragskiller. Der Sonne entgegen. So können Sie sich das vorstellen in Patrick DeWitts Roman The Sisters Brothers. Eine Übersetzungsvariante würde wohl „Die Gebrüder Schwestern“ lauten, womit schon im Titel auf die „männlichen“ und „weiblichen“ Eigenheiten dieser ungleichen Zwillinge hingedeutet wird. Charlie, der unerbittliche und denkfaule Killer, der nur seinen Instinkten folgt und Eli, der darüber nachdenkt, wie er seinen Mordsberuf an den Nagel hängen kann. Eli schafft es noch nicht einmal, seinem verkrüppelten Pferd Tub den Gnadenschuss zu geben und lässt sich von ihm lieber nach Kalifornien schleppen, anstatt sich ein kräftiges, neues Tier zuzulegen. Wer dann womöglich statt „Sister Brothers“ gelegentlich auch an „Sissy Brothers“ denkt, mag in manchen Momenten nicht ganz verkehrt liegen.
 
„Oregon City, 1851“ lautet die erste Orts- und Zeitangabe, die Autor Patrick deWitt seine Lesern mit auf den Weg gibt. Und sie willkommen heißt im Zeitalter der Goldsucher. Hermann Kermit Warm ist einer dieser amerikanischen Glücksritter. Der Commodore sucht ihn, weil Warm ihm angeblich eine geheime chemische Formel geklaut habe. Die so gemischte und hochgiftige Chemikalie lässt Goldklumpen in der Erde oder im Wasser erstrahlen, womit sie leichter zu finden sind. Warm habe sich ins sprichwörtlich goldene Kalifornien abgesetzt und suche dort nun nach dem Edelmetall. Der Commodore beauftragt Charlie und Eli, Warm zu finden, ihn zu töten und die Formel wieder zurückzubringen. Das Roadmovie mit den „Gebrüder Schwestern“ beginnt und ihnen eilt ein legendärer Ruf der Brutalität voraus.

Schwangere Frauen

Die beiden gemeingefährlichen Reiter traben durch eine unwirkliche, amerikanische Landschaft und treffen auf allerlei kuriose Gestalten: Dr. Watts, ein jammernder Verlierer, der Charlie einen schmerzenden Zahn ziehen will und Eli das Zähneputzen beibringt. Eine mütterliche Hotelmitarbeiterin, in die sich Eli verliebt, während Charlie seine Übelkeit mit einem Bad auskuriert. Sie werden Zeugen eines tödlichen Duells, sie begegnen einem Scharlatan, der Elis Pferd von einem kranken Auge befreit, sie treffen auf tote und lebende Indianer, bevor sie San Francisco erreichen, wo sie Warm vermuten. DeWitt schickt hier ein Roadmovie in die Spur, nur eben mit Pferden und bricht nebenbei so manche Klischees des klassischen Western auf. Die harten Cowboys sind nicht ganz so hart, die Frauen sind nicht immer hübsch sondern schwanger, und die Scharlatane haben auch ihre guten Seiten. Kontrastreich von deWitt dagegen gesetzt sind immer wieder Bilder von präzise beschriebener Brutalität. Seine Geschichte changiert zwischen Komik und Tragik, zwischen märchenhaften Wendungen und realistischen Momentaufnahmen.
 
Einen vorläufiger Endpunkt erreicht das Roadmovie, als Charlie und Eli das Goldgräber-Camp von Hermann Kermit Warm und seinem Kumpel Morris aufspüren. Eli schafft es durch Überzeugungsarbeit, dass sein Bruder in Warm nicht das zu tötende Opfer sieht, sondern einen möglichen Mitstreiter gegen den Commodore, dessen Macht zwar weiterhin gefürchtet wird, gegen den sie sich aber auflehnen werden. Aus Jägern könnten so Gejagte werden. Warm führt ihnen schließlich die Wirkung seiner Formel vor – mit tödlichen Folgen. Hier kommt ein Roman zum Ende, der nie ein Western sein wollte – überhaupt, was ist ein Western? – sondern eher an ein Märchen erinnert. Ein Märchen aus dem wilden Westen. Ein Märchen, das, wie die meisten Märchen, Brutalität, kauzige Charaktere und wundersame Wandlungen zusammenführt. Und ein Märchen, das eine Moral bereithält. Ein gutes Buch?

Zwei Killer bei Muttern

Glauben Sie an „gute“ Bücher? Ich würde es eher als ein interessantes Buch verorten, eine schräge Story. Ein Buch, das es immerhin auf die Shortlist des „Man Booker Prize“ geschafft hat. Ein leicht lesbarer Roman, akkurat gedichtet, ohne große Ecken und Kanten. Eine fabulierfreudige, wenn auch nicht überbordende Erzählung, die anfänglich raffiniert mit den Erwartungen des Lesers spielt, deren Spiel aber nach und nach an Spannkraft verliert. Allein das Ende – zwei Killer kehren heim zu Mutter – überrascht dann doch nochmal.

Was Sie noch wissen sollten

Gelesen habe ich die englischsprachige Kindle-Ausgabe die bei HarperCollins erschienen ist. Das Buch ist momentan im englischen Original erhältlich, im Juni 2012 soll eine deutsche Übersetzung erscheinen.
 
Die bibliographischen Angaben der Kindle-Ausgbe lauten:
Patrick deWitt: The Sisters Brothers. – Toronto: HarperCollins e-books, 2011. – ISBN 978-0-06-204126-5
 
Der Patrick deWitt hat hier eine Homepage. Zu dem Buch gibt es einen gar hübschen Trailer, den Sie sich hier anschauen können.
 

Lesen Sie wohl.